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Beitrags-Archiv für die Kategory 'Camargue'

Camargue- Gefühl

Wir fahren nach diesem Zwischenfall ins Reservat hinein, der Weg wird zu einer Piste, einer durch den trockenen Schlick gelegten Spur, die Bäume bleiben zurück, der Blick weitet sich nun, verliert sich, unbefriedigt und ohne eine Form zu gewinnen, in einer absoluten Ebene, fern glänzende Striche zeigen Lagunen an, das Camargue-Gefühl wäre trüb, wenn nicht über der Landschaft wie über der weiland Lüneburger Heide ein violetter Schimmer läge, freilich nicht Erica, sondern Statice, die in dieser schon etwas entsalzten Gegend das Aussehen der Steppe ebenso bestimmt wie in den meernäheren und tieferen Strichen der Glasschmalz, Salicornia. Dieses Violett ist stark, weil es die ungestalte, die schwermütig zwischen gleißende Sonne und glitzerndes, leckendes Brackwasser gestellte Camargue ins Geistige hebt, sie gleichsam stabiliert, ihr so etwas wie Seinsfreude gibt — ohne Statice entbehrte der Schlick, ob er nun trocken in Rauten aufspringt oder sich mit Salicornia bedeckt, eines festen Wesens, ohne Statice wäre die Camargue nur zeitweilig und ohne Gewähr freigegebener Lagunengrund. Statice verleiht auch den Wanderern eine Sicherheit, die die Salicornia-Regionen nicht mehr geben können. Der Leser möge mir so viel Botanik nicht übelnehmen! Wer Pflanzen nicht kennt und nennen kann, bleibt vor der Natur in der Gefühlsschwelgerei, dringt nicht über ungenauen und redseligen Lyrismus zur Mühe und zum Glück vor, die Landschaft zu denken. Zahllos die Besucher und Beschreiber der Camargue, die die Statice mit der Heide verwechseln und die Salzsteppe so idyllisieren und komtinentalisieren.

Thema: Camargue

Kleine Welt

Das war nun Arles : Sonnengeflimmer in den Kronen der Platanen, weiße Kringel und Flekken auf ihren glatten Stämmen und hell-dunkles Muster von Licht und Schatten auf dem Asphalt der Straße. Kleine rote Stühlchen und roter Wein in gläserner Kanne — ein großer Hund, der bettelnd seine Schnauze auf den Tisch legt, und überall ringsum die Katzen, schläfrig und aufmerksam. über den silbergrauen Platz vor St. Trophimes ehrwürdiger Fassade trippelt ein bunter Zug kleiner Waisenmädchen, schwatzend und zwitschernd wie ein Schwarm Vögel, und zwei Schwestern eilen hin und her, diese Prozession blonder und dunkler Köpfchen, rosafarbener, blauer und weißer Kleidchen sicher zu geleiten. Ihre Hände sind schützend erhoben, und die großen weißen Hauben umschweben sie wie ausgebreitete Flügel. St. Trophime ist alt und grau und kühl, vor dem Bild der Hl. Drei Könige produziert sich ein kleiner Junge vor den Fremden, klettert über Bänke, geht durch verbotene Türen, und seine Augen funkeln: dies ist seine Kirche, seine heimatliche Kirche, und nur den Fremden bleiben die Türen verboten! In dem Kreuzgang, dessen Schönheit den Unvorbereiteten erschüttert, singt in goldenem Käfig ein Vogel, und seine zitronengelben Federchen leuchten hell vor dem dunklen Stein. Zwischen römischen Gräbern spielen Kinder, Männer fesselt eine Partie Petanque, auf der Rhöne schwimmen bunte Schiffe, in engen Gassen flattert Wäsche, tanzen kleine Mädchen, singen Frauen — und hinter einem mächtigen alten Tor fanden wir dann sie, die uns vom ersten Blick an bezauberte: die bunte, vielfältige, zärtliche Welt der Krippen.
Sie standen dort zwischen Perücken und Trachten, zwischen Möbeln und altersgrauem Hausrat, zwischen all den ehrwürdigen, leicht nach Staub und Kampfer riechenden Dingen, die man in einem Heimatmuseum zusammenträgt — und sie leuchteten und glänzten, sie waren jung und bunt und fröhlich, ihre Blumen blühten, ihre Früchte reiften rot und prall, und ihre Vögel sangen wie vor mehr als 200 Jahren zum höheren Lobe Gottes,
der Jungfrau Maria und aller lieben Heiligen. Wir hockten uns nieder, um besser sehen zu können, und starrten durch die Scheiben, wie Kinder vor Weihnachten durch Schaufensterscheiben starren. Im geheimsten Winkel unseres Herzens aber warteten wir darauf, daß all diese Lieblichkeit lebendig würde.
Wir wußten nichts über die Krippen, wir hatten nichts darüber gehört, nichts gelesen, wir hockten nur dort und staunten und schauten. Es waren nicht alles Krippen in unserem Sinn, nicht immer fanden wir das Jesuskind, wir wußten auch nicht, wer die heiligen Damen waren, die da — selbst im Tode noch anmutig — zwischen Gräsern und Blumen lagen, wir verstanden nicht die Symbolik, kannten nicht die Legenden, die hier in gesponnenem Glas, buntem Papier, einem Flitterchen Gold, Seide, Wachs, Perlen, ja in Steinchen, Muscheln, Schneckenhäusern und allen Farben des Regenbogens zum Leben erweckt waren. Aber unsere Blicke wanderten beglückt über kleine Berge, Brücken, Treppen hinauf und hinab, in das sanfte Dunkel kleiner Höhlen, in denen neue Blumen blühten, neue Bäumchen wuchsen, Vögel und Hasen sich verbargen und winzige Gestalten in kindlich-steifer Grazie standen. Aus einem Häuschen trugen Männer einen Sarg hinaus in eine Welt, die voll war vom Frieden des Paradieses. Bäumchen stand neben Bäumchen, rote und goldene Früchte hingen zwischen den zierlichen Blättern, Sträucher blühten, und wo noch ein Fleckchen frei war, leuchteten Blumen, schimmerten Perlen und weiße Muscheln. Lämmer, Hirsche, Hunde und Häschen mit gespitzten Ohren schauten zwischen Rosen, Nelken und Lilien hervor, Englein schwebten überall, und die Madonna mit dem Kind lebte einträchtig zusammen mit Tieren und Pflanzen, dem kleinen Jäger mit dem Dreispitz und der Schäferin mit dem Früchtekorb auf dem koketten Köpfchen. Es war eine Welt voller Liebreiz, geschaffen, auf daß die Seelen von Kindern und Dichtern darin spazierengehen — geschaffen aus der einfachen Seele eines Volkes, das „lieben will und glauben”

Thema: Kleine Welt voller Liebreiz

Carmargue – Wassergetiere und Vögel

Auch das andere Wassergetier, vor allem die Reiher, kam uns scheu vor, weit scheuer als die Wattvögel unserer Nordseeküste, die Flamingos aber, mehrere Tausend, genug, eine zarte, pastellene Fleischfarbe über die Erde zu ziehen, waren verschwunden. Und dabei sind sie eine Kuriosität, derengleichen es weder im Mittelmeer noch im Orient noch in den Schotts Nordafrikas gibt — man muß, wenn man den nächsten Massenstandort aufsuchen will, sich bis an die Kaspische See begeben.
Wir nahmen in Hugos Auto den Weg nach Salin-deGiraud. Rechts jenseits eines Grabens ein nie gesehenes Feld, frischgrüne, fußhohe, im Wasser stehende Halme, dicke, fruchtstrotzende Ähren, Reis, der wie kein anderes Getreide den Eindruck üppigen Spendens macht. Dem Reis als dem Erdroßler der wilden Camargue gilt der Haß des Reservat-Leiters, des Professors Tallon, der uns mit manchen Ratschlägen auf die Fahrt geschickt hatte, eines leidenschaftlichen Botanikers, der, wie es schien, von allen Vernichtungen des zweiten Weltkrieges die der Berliner Hieracium-Sammlung am meistenbedauerte — das Habichtskraut ist die in ihrer Artengliederung schwierigste Gattung unserer Breiten, das große systematische Problem der Botanik, und es sieht so aus, als sei mit dem Untergang des Berliner Herbars jede Chance geschwunden, diesen Wirrwarr zu ordnen. Ich konnte mit dem Professor fühlen — habe ich doch auch einst mit der Verblendung des Anfängers mich am Habichtskraut versucht und dieses hybride Unternehmen erst aufgegeben, als ich entdeckte, daß fast keine Pflanze der andern glich, jede also als eigene Art geführt werden mußte.
Eine Siedlung, Baumkulissen, dann auf der rechten Seite der Spiegel des Atang Vaccars, der größten Camargue-Lagune, und am Ufer einige kniehohe, sparrige, violett blühende Pflanzen, in denen ich Statice zu erkennen glaubte — ich empfand den köstlichen Schlag, das botanische Fest, wenn man im Neuen das Alte, im Unbekannten das Vertraute entdeckt. Mit dem Wiederstoß, einem artenreichenGrasnelkengewächs, das sich erst unter dem Himmel der Kanaren wohlig in den Reichtum seiner Anlagen hineinreckt, hatte ich in den Gärten Teneriffas Freundschaft geschlossen, und nun sah ich ihn hier, ich sah einen etwas abgestiegenen Verwandten, aber immerhin noch jemand, den man als Verwandten anerkennen konnte. Ich ließ halten und eilte auf das Sträuchlein zu, wurde aber von hinten angerufen: ein zufällig vorbeiradelnder Wärter rief mir zu, das Land sei Privatbesitz. Wir waren noch außerhalb des Naturschutzgebietes, und nun sah ich auch ein Schild, das verbot, das Grundstück zu betreten. In dieser ungeheuren Einöde durfte man sich also weniger bewegen als in einem Großstadtpark — aber ich hatte die Intensität des französischen Besitzgefühles schon an der Riviera kennengelernt, wo man über Meilen hinweg vom Strand abgeschnitten wird, wo Vorgebirge und Buchten privatisiert sind, und wo man mitten in der Macchia auf Schilder trifft: „Passage interdit. Chien mechant.”

Thema: Camargue

Camargue-Stimmung

In Salin de Badin, einer Gruppe von drei Häusern fragen wir nach dem Weg — man gibt uns den fern, gegen das Meer zu, ragenden Leuchtturm der Lacholle als Zielpunkt an, auf den wir unsere Bewegungen auszurichten haben. Ein Süßwasserteich, den mittelamerikanische Gambusen, Moskitolarven vertilgende und zu diesem Zweck hier eingesetzte Fischlein, durchwimmeln — sie sind so zahlreich, daß sie in Klumpen auf den Algen liegen. Dicke Frösche — und dann, ein herrliches Bild, eine zwei Meter lange Natter, die sich königlich durch dieses ihr Revier peitscht.
Trotz des Leuchtturms gerieten wir auf eine falsche Piste und an einen Wasserlauf, der zwei der Lagunenteiche verband und eine kräftige, meerwärts gerichtete Strömung zeigte—gerührt erkannten wir in diesem Gefälle das letzte, was nach mancherlei Umwegen von der großen Rhöne geblieben war. Wir wichen aus und gerieten auf den Deich, der die Camargue gegen die See abschließt und jenseits dessen sich bereits wieder Vorland angesetzt hat. Am Leuchtturm lenkten wir nach Norden, auf den Bois de Rieges zu, der dunkel den Horizont säumte. Nach einer Weile bog die Piste nach Westen ein, wir ließen das Auto stehen und traten den Fußmarsch an, wir gingen aus der Besichtigung zum Kontakt über. Die Besichtigung erfährt nur Äußerliches über das Besichtigte, sie hält ausdrücklich das Besichtigte von sich weg, sie verschließt sich gegen das Besichtigte, nun aber, in einem starken Gärungsgeruch wie von faulenden Fischen, unter einem übermächtigen, den Boden ins Nichts drückenden Himmel, in der glutenden Helle, vor der man sich nirgends bergen konnte, öffneten wir uns der Camargue-Stimmung. Es ging über die sukkulenten, knorrig verzweigten, manchmal rötlich angehauchten, dann wieder vom Schlick grau überzogenen Kleinsträucher der Salicornia hinweg. Sie zeigten weder Blätter noch Blüten, nur die aufgequollenen Röhrchen der Zweige und Zweiglein, düster, zäh, bettierhaft. Nie haben wir uns von Flora so im Stich gelassen, so wenig unterstützt gefühlt wie damals.

Thema: Kleine Welt voller Liebreiz

Provenzalische Camargue

Das Provenzalische ragt als fremde, unverstandene Ruine in die eigene Landschaft hinein, Aix hat nichts mit Nizza, Arles nichts mit Marseille zu tun, wobei ich Marseille und Nizza als die beiden Vororte der modernen, der entprovenzalisierten Provence nehme. Als Ruinen- ist die Provence auch ein Reiseland — wir reisen nicht nur ins Ferne des Raumes, sondern auch in das der Zeit.
In der Antike und im Mittelalter war die heute menschenleere, nur von einzelnen Gardians durchschweifte Camargue besiedelt, damals trug sie Wälder — und Wälder sind nun einmal für den waldhassenden Mittelmeer-Menschen nichts anderes als eine Gelegenheit abzuholzen. Die Entwaldung hat die Salzsteppe geschaffen — und dann freilich auch die Eindeichung der Rhöne-Arme, die den Zustrom süßen Wassers herabsetzte, die Lagunen brackig werden und die Wiederstoß- und Glasschmalz-Wildnisse, Staticeten und Salicornieten, entstehen ließ. Diese besondere Öde ist vom Menschen geschaffen worden, er entdämmte sie, machte sie frei, indem er den Fluß eindämmte, deshalb die Ruinenqualität, die die Camargue mit der Macchia, dieser geringen Nachfolgeformation eines unvernünftig niedergeschlagenen Waldes, teilt. Die Camargue ist am Mittelmeer einzigartig, weder im Po- noch im Nildelta hat sich, obwohl es dort an Lagunen nicht mangelt, eine Steppe ähnlicher Ausdehnung und Einsamkeit bilden können.
Ich war mit meinem an seinem Namen leidenden Freund Hugo in der Camargue unterwegs und muß gestehen, daß wir von den drei Sehenswürdigkeiten, von Pferden, Stieren und Flamingos, nur eine antrafen, ein Dutzend friedlich glotzender schwarzer Rinder, die sich an der Straße von Saintes-Maries nach Arles aufgebaut hatten. Den Vergleich mit ostafrikanischen Büffeln hielten sie bei weitem nichtaus, man mußte die Phantasie anstrengen, wenn man ihnen Wildheit ansehen wollte, und Hugo erwog die Möglichkeit, daß das „Syndicat d’Initiative” von Arles, da an diesem Tage mehrere Autos die Pisten befuhren, die sonst eingestallten Tiere für uns freigelassen habe. Hugo war so unklug gewesen, einige über die Camargue handelnde Bücher zu lesen, und fiel den Tag über von einer Enttäuschung in die andere — am Abend befürchtete er, nicht in der „richtigen”, sondern in einer zahmeren Camargue gewesen zu sein. Auch einige weiße Pferde bemerkten wir, doch trugen sie Reiter und konnten darumnicht dienen, uns die Idee des Wildpferdes anschaulich zu machen. Unbestreitbar wild sind allein die Mücken, die in solchen Schwärmen den Wanderer umsirren und anfallen, daß er sich schmerzlich an Berichte aus der sibirischen Tundra erinnert fühlt. Unter allen Tieren haben bisher die Insekten dem unterwerfenden und ausrottenden Menschen am besten widerstanden — man darf gespannt sein, wie zuletzt der Kampf zwischen den immer neuen Insektiziden und den immer neu sich bildenden resistenten Stämmen ausgeht. So ist auch hier in der Camargue zuletzt die Mücke übriggeblieben. Aber es gibt Schmiermittel, die diese Blutsauger abhalten. Und als während unseres Fußmarsches der „Nopik”-Überzug zerschliß, hatte ich das Glück, daß Hugos Blut sich als ungemeine Mücken-Attraktion erwies. Die Moskitos schwankten keinen Augenblick, wen von uns beiden sie anfallen sollten — auf mir nahm nur Platz, wer bei Hugo kein Stück freie Haut gewinnen konnte. Außerdem genoß ich das Vergnügen, Hugo stundenlang zu ohrfeigen, ihm vor allem vor seine edel geformte Stirn zu schlagen und dafür noch seinen Dank zu empfangen.

Thema: Camargue

Camargue Pferde

Camargue Pferde sind meist Schimmel wie dieses Bild zeigt.

camargue pferde

Camargue Pferde im strahlend blauen Wasser der Camargue

Thema: Camargue

Die Camargue

Die Camargue, Delta der Rhöne, als „große” Camargue eingefaßt vom großen und kleinen Mündungsarm des Stromes, als „kleine” Camargue sich jenseits dieses westlich bei Aigues-Mortes erstreckend, Brackwasser-Lagune, freier oder mit dürftig-struppigen Pflanzen besetzter Schlick, grünlich-graue oder violette Steppenwüste, die sich langsam und zäh ins Mittelmeer hinausschiebt und die seit vierhundert Jahren der See ein Dutzend Kilometer abgewonnen hat — diese Camargue gilt als eine der letzten europäischen Elementar-Landschaften, erstaunlich darum, weil sie nicht in eisiger, menschenfeindlicher Höhe, sondern auf und manchmal auch etwas unter dem Normalniveau liegt, weil man sie nicht in schwer zugänglicher Ferne aufsuchen muß, sondern sie am Rande eines abendländischen Kern-Gaues findet, eines reichen, lebensvollen, geistigen Bezirkes, eben der Provence, und vor den Toren der Stadt Arles, die zu den zwölf mythisch stärksten, dichtesten Orten des Abendlandes gehört, einst nach Konstantinopel vor Rom, Trier und Ravenna die zweite Stadt des Imperium Romanum. Jedoch wird der elementare Charakter der Camargue in Frage gestellt, nicht sosehr vom Reisanbau, der zwar Jahr für Jahr von Norden her andrängend die Salzöde einengt, bisher aber noch nicht wesentlich die Weite der nicht unterworfenen Flächen hat versehren können, auch nicht vom Tourismus, obwohl das touristisch in die Zivilisation einbezogene Element kein Element mehr ist, und obwohl in der Tat der des Ursprungs begierige, der nach Unberührtem sich sehnende Europäer von heute in dichten Scharen in die Camargue einbricht. Ein Auto folgt dem anderen, man hat den Eindruck, daß mehr fremde um der Camargue und ihrer Flamingos als um der Architektur willen nach Arles kommen, und in Saintes-Maries-de-la-Mer, das durch Sandstrand und Badebetrieb schwer geschädigt wurde und außerdem noch durch einen Zigeuner-Folklore-Rummel Besucher anzulocken sich müht, kann man sogar Pferde der Camargue-Rasse mieten und, durch Glasschmalzwuchs und Pfützen reitend, sich als verwegener „Gardian”, als ein Cowboy der Camargue, vorkommen.
Gewiß stört der Betrieb, den die Reisebüros um die Camargue machen, und doch braucht man sich nur von den wenigen Pisten einige hundert Meter zu entfernen, wenn man im Wilden ankommen, wenn man sich dem Wilden aussetzen will. Dennoch ist die Camargue, so seltsam es zunächst klingen mag, keine Ur-Landschaft, sondern Werk des Menschen, sie ist nicht Morgenröte, sondernAbenddämmern, nicht Frische, sondern Verfall und damit fügt sie sich durchaus in das mächtige Ruinenwesen der Provence, als dessen Symbole man den Papst-Palast von Avignon, die weißen schweigenden Kalksteintrümmer der verlassenen Hugenottenstadt Les Baux, den Mauerring von Aigues-Mortes oder den römischen Triumphbogen von Orange betrachten kann. Die Provence, ein eigenständiges romanisches Kulturgebiet mit archaisch sonorer Sprache, hoher Dichtung, mächtiger Architektur, im Mittelalter als Arelat ein Teil des Deutschen Reiches, bestimmt, in der lateinischen Welt die geistige Führung zu übernehmen, wurde durch Paris ausgesogen wie auch Burgund oder Lothringen, sie wurde ihrer Besonderheit durch den Zentralismus der Isle-de-France beraubt.

Thema: Camargue