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Beitrags-Archiv für die Kategory 'Irland'

Im Lande der Pferdenarren

Man kann das Land der „Heiligen und Gelehrten“ auch die Insel der Pferdefreunde, Pferdekenner und der Pferdenarren nennen. Vom Gutsbesitzer, der auf seinem Gestüt die besten Rennpferde der Welt züchtet, bis zum Tinker, der mit dem bunten Wohnwagen und einer kleinen Pferdeschar durchs Land zieht, wegelagernd, den Bauern und Dörflern ein Ärgernis: Das Leben der Ärmsten und der Reichsten kreist um das Pferd.
Das Auto ist Gott sei Dank nur ein Verkehrsmittel, man schenkt seine Liebe hier einem Lebewesen und macht es zum Idol, das man pflegen, putzen und anbeten darf. Wie sollte es auch anders sein in einem Lande, wo Pferderennen Volkssport wurden. Zwei Seiten widmet jede Tageszeitung, die auf sich hält, dem „Sport der Könige“, und fast jeden Tag findet irgendwo in der Provinz ein Rennen statt. Die kleine Insel verfügt über mehr als zwei Dutzend Rennplätze, damit auch jede Grafschaft regelmäßig zu ihrem Vergnügen kommt. An Renntagen läßt der Bauer den Pflug, der Handwerker sein Werkzeug liegen, der Krämer schließt seinen Laden, und alles, was laufen kann, zieht zum Hippodrom, wettet, trinkt, jubelt und fachsimpelt.
Es geht bei diesen Rennen nicht ums große Geld wie in Santa Anita, Longchamp oder Ascot, hier werden eher Volksfeste gefeiert, man trifft sich und amüsiert sich gemeinsam mit Nachbarn und Freunden. Auf den kleinen Plätzen in der Provinz kommt auch der Bauer, der Ein Pferd-Besitzer. zum Zuge und kann seinen selbstgezogenen Wallach über Hürden und Hindernisse schicken. Sehr beliebt sind außerdem die Point to Point-Rennen, dörfliche Veranstaltungen im kleinen Kreis, ohne Rennbahn: Es geht über Wiesen und Felder, Wälle und improvisierte Hindernisse — es sind private Vorprüfungen. Sie finden nur in den Wintermonaten statt wie die Fuchsjagden — oft mit denselben Pferden, und oft avancierte schon ein guter hunter zu einem erstklassigen chaser. Auch auf den kleinsten aller Rennplätze, einer Viehweide, fehlt nicht das Zelt mit dem unentbehrlichen Getränke-Ausschank, und natürlich sind auch die Buchmacher da, fünf bis zehn an der Zahl, auf Kisten stehend, die riesige Geldtasche vorm Bauch, um die Wettlust der Leute zu befriedigen.
Die bedeutenden, klassischen Flachrennen werden in The Curragh, unweit von Dublin, ausgetragen. Dort geht es selbstverständlich eleganter zu, dort trifft sich die Prominenz. Doch der Ton wird von dem bunten Publikum angegeben und nicht von den Ausnahmen im grauen Frack oder unter dem letzten Modeschrei der Damenhüte.
Der Reitsport selbst findet auf den Fuchsjagden seinen Höhepunkt. Jede Grafschaft besitzt ihren eigenen Jagdclub, „Galway Blazers“ oder „Black and Tans“ oder „Kildare Foxhounds“. Wie der Kapitän einer Mannschaft, so steht ihm der erwählte Master vor, meistens ein reicher Gutsherr, der sich eine Meute Hunde leisten kann. Wie einen Titel darf er hinter seinen Namen die stolze Abkürzung setzen: M. F. H. (Master of the Foxhounds). Aber nichts Exklusives oder Snobistisches haftet der Fuchsjagd an, im Gegenteil: Teilnehmen darf jeder, der reiten und ein Pferd auftreiben kann. Als Urlauber kann man einen „hunter“ gegen Gebühr leihen für 30 bis 60 Mark am Tag. Man hat immer wieder mit Recht gegen die grausame Tötung der Füchse protestiert und sollte vielleicht humanere Mittel erfinden. Dieser Sport aus der Feudalzeit ist ein Anachronismus, wer aber einmal in der Schar der Rotröcke mitgeritten ist, durch winterliche Landschaft, über Stock und Stein, der wird den Schall des Hornes nie vergessen, das Kläffen der Meute, die dampfenden Pferdeleiber und die Freude der dahingaloppierenden Reiter.
Natürlich blüht hinter dem Sport und seinen Freuden auch das Geschäft: der Pferdehandel. Durchschnittliche Pferde wechseln auf Pferdemärkten den Besitzer, die Auslese erwirbt man auf Versteigerungen. Vollblüter aus edelster Zucht, Derby-Anwärter, die Millionen Umsätze erreichen, werden zu den großen Auktionen im englischen Doncaster oder Newmarket geschickt, wo sich im Herbst die großen Züchter, Trainer, Händler und Experten treffen. Der irische Züchter, der sich einen guten Preis verspricht, transportiert seine Tiere mit dem Flugzeug, und nur die weniger Wertvollen werden in Dublin (Ballsbridge) oder in Slane in der Grafschaft Kildare versteigert. Preise zwischen 100 000 und 300 000 Mark für Einjährige sind keine Seltenheit. Oft entpuppen sich diese kostbaren Vollblüter später auf dem Rennplatz als teure Nieten, doch wie könnte es anders sein, da nur ein einziges Pferd das Derby gewinnen kann. Tausende Einjährige werden als Aspiranten verkauft, die Chancen sind ungewiß wie im Lotto. Viele Fohlen erblicken nie den Rennplatz, nicht einmal die Weide, um zu grasen. Großgestüte, wiewohl nicht die irischen, erschießen die Hälfte und mehr ihrer Zucht, wenn Beine und Körperbau der Pferde den Kenner nicht beglücken. Das Wort von der „Bloodstock Industry“ scheint fast berechtigt.
Weniger kostbare Pferde werden auf den Pferdemärkten der Kleinstädte verkauft, robuste Gäule für die robuste Fuchsjagd, vereinzelt auch noch für den Ackerbau oder nur für die Fleischfabrik in Belgien. Neuerdings—eine Touristenattraktion — werden wieder Zugpferde gebraucht, fürs Zigeunergespann, das man mieten kann, um damit recht romantisch durchs Land zu reisen. Und so ist der Pferdemarkt auch für die Tinkers wieder zum großen Treffpunkt geworden, wo sie ihre Lippizzaner, die auf fremden Weiden fett gefressenen Zirkusgäule, an den Mann bringen wollen. Handeln auf dem Pferdemarkt ist ein Ritual. Haben sich Käufer und Verkäufer über den Preis geeinigt, spuckt man in die Hand und schlägt zu, das Geschäft ist besiegelt. Dann zählt der eine, dann der andere das Geld, sorgfältig, jeden Schein zwischen den Fingern reibend, und zum Schluß muß ein Dritter, Unparteiischer die Geldscheine noch einmal genau zählen. Der Käufer erhält dann wieder einen kleinen Betrag zurück, the luck money, den Glückspfennig. Wer sich für Pferde und ihren Handel nicht interessiert, dem sei trotzdem empfohlen, einen Pferdemarkt in Dingle, Limerick oder Ballinasloe zu besuchen. Er soll sich nicht die Fesseln der Gäule ansehen, sondern die Köpfe der Bauern und Händler, Gesichter wie aus Holz geschnitzt, voller Individualität und Charakter, mit freundlichen Augen, aus denen der Schalk blinzelt.

Thema: Irland