Die Camargue

Die Camargue, Delta der Rhöne, als „große” Camargue eingefaßt vom großen und kleinen Mündungsarm des Stromes, als „kleine” Camargue sich jenseits dieses westlich bei Aigues-Mortes erstreckend, Brackwasser-Lagune, freier oder mit dürftig-struppigen Pflanzen besetzter Schlick, grünlich-graue oder violette Steppenwüste, die sich langsam und zäh ins Mittelmeer hinausschiebt und die seit vierhundert Jahren der See ein Dutzend Kilometer abgewonnen hat — diese Camargue gilt als eine der letzten europäischen Elementar-Landschaften, erstaunlich darum, weil sie nicht in eisiger, menschenfeindlicher Höhe, sondern auf und manchmal auch etwas unter dem Normalniveau liegt, weil man sie nicht in schwer zugänglicher Ferne aufsuchen muß, sondern sie am Rande eines abendländischen Kern-Gaues findet, eines reichen, lebensvollen, geistigen Bezirkes, eben der Provence, und vor den Toren der Stadt Arles, die zu den zwölf mythisch stärksten, dichtesten Orten des Abendlandes gehört, einst nach Konstantinopel vor Rom, Trier und Ravenna die zweite Stadt des Imperium Romanum. Jedoch wird der elementare Charakter der Camargue in Frage gestellt, nicht sosehr vom Reisanbau, der zwar Jahr für Jahr von Norden her andrängend die Salzöde einengt, bisher aber noch nicht wesentlich die Weite der nicht unterworfenen Flächen hat versehren können, auch nicht vom Tourismus, obwohl das touristisch in die Zivilisation einbezogene Element kein Element mehr ist, und obwohl in der Tat der des Ursprungs begierige, der nach Unberührtem sich sehnende Europäer von heute in dichten Scharen in die Camargue einbricht. Ein Auto folgt dem anderen, man hat den Eindruck, daß mehr fremde um der Camargue und ihrer Flamingos als um der Architektur willen nach Arles kommen, und in Saintes-Maries-de-la-Mer, das durch Sandstrand und Badebetrieb schwer geschädigt wurde und außerdem noch durch einen Zigeuner-Folklore-Rummel Besucher anzulocken sich müht, kann man sogar Pferde der Camargue-Rasse mieten und, durch Glasschmalzwuchs und Pfützen reitend, sich als verwegener „Gardian”, als ein Cowboy der Camargue, vorkommen.
Gewiß stört der Betrieb, den die Reisebüros um die Camargue machen, und doch braucht man sich nur von den wenigen Pisten einige hundert Meter zu entfernen, wenn man im Wilden ankommen, wenn man sich dem Wilden aussetzen will. Dennoch ist die Camargue, so seltsam es zunächst klingen mag, keine Ur-Landschaft, sondern Werk des Menschen, sie ist nicht Morgenröte, sondernAbenddämmern, nicht Frische, sondern Verfall und damit fügt sie sich durchaus in das mächtige Ruinenwesen der Provence, als dessen Symbole man den Papst-Palast von Avignon, die weißen schweigenden Kalksteintrümmer der verlassenen Hugenottenstadt Les Baux, den Mauerring von Aigues-Mortes oder den römischen Triumphbogen von Orange betrachten kann. Die Provence, ein eigenständiges romanisches Kulturgebiet mit archaisch sonorer Sprache, hoher Dichtung, mächtiger Architektur, im Mittelalter als Arelat ein Teil des Deutschen Reiches, bestimmt, in der lateinischen Welt die geistige Führung zu übernehmen, wurde durch Paris ausgesogen wie auch Burgund oder Lothringen, sie wurde ihrer Besonderheit durch den Zentralismus der Isle-de-France beraubt.

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