Flamenco am nachtblauen Himmel

Kaum daß der Klageruf der „Saeta” am nachtblauen Himmel verhallt, setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Unter den wippenden Goldborten, mit denen die Throne umkleidet sind, ist nur das tausendfüßlerische Gewimmel hastig tretender Beine zu sehen, die in leichten Segeltuchschuhen stecken. Sie gehören den rauhen Gesellen von jenseits des Flusses, den Bauarbeitern, Schuhputzern, den Lastträgern von den Kais am Guadalquivir, den Proletariern, den Respektlosen, die ein Jahr lang ihr rotes Herz durch alle lästernden Kneipen tragen, um dieses eine Mal freiwillig Pönitenz im Dienst der bombastischen Sänften zu tun. Zwei ragende Gestühle sind es, die mit jeder Prozession dieser atemlosen Woche triumphierend über den Köpfen der hingegossenen Menge einherschweben. Ein Teppich von blutroten Nelken, ein morgenländisches Prunkgewebe von feierlichen Blüten, bedeckt den Boden des mit barocken Kandelabern gezierten Gestells, auf dem der Gekreuzigte die weltumspannenden Arme breitet. Dem Erlöser gilt scheue Verehrung, doch nicht lange verweilt das andalusische Temperament bei dem Drama der Passion. Rasch flüchtet es aus der düsteren Erinnerung der Golgathastunde in die verführerische Pracht des Madonnenkultes.
Das Kreuz ist nicht mehr als der dunkle und wirkungsvolle Hintergrund, vor dem der duftige Rez= der Rosenblätter und Blütenkelche den Pfad der verehrten Frauengestalten netzt. Sie zeichnen mit silbernem Szepter das Signum ihres absolutistischen Regiments zwischen die glitzernden Sterne na andalusischen Firmament. Sobald der GerirIniem den Blicken des schweigsam gewordenen Voll= entschwunden ist, geht es wie ein Aufatmen durch die Reihen, denn in einem Lichterkranz naht der glanzvolle Hofstaat der lieblichen und kindhaften Königinnen, wie sie Murillo malte, der zarten Mädchenskulpturen, wie sie Montafis formte, unwiderstehlicher Appell an die Sinne einer Masse, die bis an den Rand erfüllt ist mit dem ästhetischen Bedürfnis der mediterranen Kultur.
In gemessener Würde schreiten, das Kreuz und den Strahlenthron begleitend, die Bruderschaften einher. Zur violetten Seide der mit goldenen Schärpen gegürteten Gewänder flackern zyklamrote Kerzen. Auf schwarzen überwürfen leuchtet weiß das Kreuz von Malta, auf gelben Umhängen rot das von Santiago.