Flamenco ist weltlicher Prunk

Alles an den Figuren der gekrönten Skulpturen ist weltlicher Prunk und orientalische Prachtentfaltung, in der sich die Bruderschaften zu überbieten suchen. Die Rivalität zwischen den populärsten der Statuen, die in Karaten von Diamanten, in Zentnern von Silbersäulen und Goldgeschmeiden gewogen wird, führt zu Erbfehden zwischen den einzelnen Vierteln Sevillas. Brillanten und Smaragden ohne Zahl, in denen aller Reichtum eines armen Landes erstarrt zu sein scheint, schmücken die Gestalt der braunen „Macarena”, der „reinen Zigeunerin”, der reichsten und beliebtesten unter den Madonnen, der auf der Straße die gewagten Komplimente zufliegen, mit denen die südliche Menge der weiblichen Schönheit zu huldigen pflegt. Auf dem wuchtigen Traggestell steht die zarte, knapp lebensgroße Figur wie eine Königin auf dem Podest, die Huldigungen ihrer Untertanen entgegennehmend. Über dem lieblich geneigten Haupt wölbt sich ein seidener, schwer mit Gold bestickter Baldachin, und von den schmalen Schultern senkt sich nach rückwärts, bis zum hinteren Rand des Traggestells, eine meterlange und kostbare Schleppe nieder, an der die Frauen und Mädchen Sevillas viele Monate gearbeitet haben. Zu Füßen der „Macarena” aber wurzeln ansteigende Reihen von brennenden Kerzen im Boden des Throns, ein flammender Weinberg, dessen Feuer im Nachtwind flackern, wenn die Herrscherin Andalusiens Umzug durch ihre Hauptstadt hält.
Auf goldenem Gestühl schwankt sie um die engen Windungen kleiner Gäßchen, wo die weißgekalkten Häuser so niedrig sind, daß man das Dach mit ausgestreckter Hand berühren kann. Die unerbittliche Hierarchie und der theokratische Absolutismus, mit dem die Madonnen in Sevilla regieren, wird nie sichtbarer als hier. Ihre Throne sind höher als die Hütten des Volkes, das sich festlich geschmückt auf den Balkonen drängt, kupfergesichtige Männer im Sonntagsstaat und bleiche, großäugige Frauen, von den schwarzen Spitzen der Mantillas umrieselt. Samtene Behänge verhüllen das Gestell der Bahren, unter denen Kolonnen von Trägern die ungeheure Last auf polstergeschütztem Nacken schleppen. Wenn die Männer die Last absetzen, fällt das Volk auf den Balkonen in die Knie, vom Schein des flammenden Weinberges wie auf der Opernbühne angestrahlt, und einer aus der Menge stimmt die inbrünstige „Saeta” an, die in den langgezogenen, schluchzenden Kehltönen des maurischen Gesanges einen Mantel des Schauers auf alle Hörer senkt, ein Echo des islamischen Spanien, das im Raum der Meerenge widerklingt.