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Kleine Welt

Das war nun Arles : Sonnengeflimmer in den Kronen der Platanen, weiße Kringel und Flekken auf ihren glatten Stämmen und hell-dunkles Muster von Licht und Schatten auf dem Asphalt der Straße. Kleine rote Stühlchen und roter Wein in gläserner Kanne — ein großer Hund, der bettelnd seine Schnauze auf den Tisch legt, und überall ringsum die Katzen, schläfrig und aufmerksam. über den silbergrauen Platz vor St. Trophimes ehrwürdiger Fassade trippelt ein bunter Zug kleiner Waisenmädchen, schwatzend und zwitschernd wie ein Schwarm Vögel, und zwei Schwestern eilen hin und her, diese Prozession blonder und dunkler Köpfchen, rosafarbener, blauer und weißer Kleidchen sicher zu geleiten. Ihre Hände sind schützend erhoben, und die großen weißen Hauben umschweben sie wie ausgebreitete Flügel. St. Trophime ist alt und grau und kühl, vor dem Bild der Hl. Drei Könige produziert sich ein kleiner Junge vor den Fremden, klettert über Bänke, geht durch verbotene Türen, und seine Augen funkeln: dies ist seine Kirche, seine heimatliche Kirche, und nur den Fremden bleiben die Türen verboten! In dem Kreuzgang, dessen Schönheit den Unvorbereiteten erschüttert, singt in goldenem Käfig ein Vogel, und seine zitronengelben Federchen leuchten hell vor dem dunklen Stein. Zwischen römischen Gräbern spielen Kinder, Männer fesselt eine Partie Petanque, auf der Rhöne schwimmen bunte Schiffe, in engen Gassen flattert Wäsche, tanzen kleine Mädchen, singen Frauen — und hinter einem mächtigen alten Tor fanden wir dann sie, die uns vom ersten Blick an bezauberte: die bunte, vielfältige, zärtliche Welt der Krippen.
Sie standen dort zwischen Perücken und Trachten, zwischen Möbeln und altersgrauem Hausrat, zwischen all den ehrwürdigen, leicht nach Staub und Kampfer riechenden Dingen, die man in einem Heimatmuseum zusammenträgt — und sie leuchteten und glänzten, sie waren jung und bunt und fröhlich, ihre Blumen blühten, ihre Früchte reiften rot und prall, und ihre Vögel sangen wie vor mehr als 200 Jahren zum höheren Lobe Gottes,
der Jungfrau Maria und aller lieben Heiligen. Wir hockten uns nieder, um besser sehen zu können, und starrten durch die Scheiben, wie Kinder vor Weihnachten durch Schaufensterscheiben starren. Im geheimsten Winkel unseres Herzens aber warteten wir darauf, daß all diese Lieblichkeit lebendig würde.
Wir wußten nichts über die Krippen, wir hatten nichts darüber gehört, nichts gelesen, wir hockten nur dort und staunten und schauten. Es waren nicht alles Krippen in unserem Sinn, nicht immer fanden wir das Jesuskind, wir wußten auch nicht, wer die heiligen Damen waren, die da — selbst im Tode noch anmutig — zwischen Gräsern und Blumen lagen, wir verstanden nicht die Symbolik, kannten nicht die Legenden, die hier in gesponnenem Glas, buntem Papier, einem Flitterchen Gold, Seide, Wachs, Perlen, ja in Steinchen, Muscheln, Schneckenhäusern und allen Farben des Regenbogens zum Leben erweckt waren. Aber unsere Blicke wanderten beglückt über kleine Berge, Brücken, Treppen hinauf und hinab, in das sanfte Dunkel kleiner Höhlen, in denen neue Blumen blühten, neue Bäumchen wuchsen, Vögel und Hasen sich verbargen und winzige Gestalten in kindlich-steifer Grazie standen. Aus einem Häuschen trugen Männer einen Sarg hinaus in eine Welt, die voll war vom Frieden des Paradieses. Bäumchen stand neben Bäumchen, rote und goldene Früchte hingen zwischen den zierlichen Blättern, Sträucher blühten, und wo noch ein Fleckchen frei war, leuchteten Blumen, schimmerten Perlen und weiße Muscheln. Lämmer, Hirsche, Hunde und Häschen mit gespitzten Ohren schauten zwischen Rosen, Nelken und Lilien hervor, Englein schwebten überall, und die Madonna mit dem Kind lebte einträchtig zusammen mit Tieren und Pflanzen, dem kleinen Jäger mit dem Dreispitz und der Schäferin mit dem Früchtekorb auf dem koketten Köpfchen. Es war eine Welt voller Liebreiz, geschaffen, auf daß die Seelen von Kindern und Dichtern darin spazierengehen — geschaffen aus der einfachen Seele eines Volkes, das „lieben will und glauben”

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