Männer haben den Vorrang vor den Frauen

Seltsamerweise haben auf dem Gebiet der “psychischen Phänomene” die Männer den Vorrang vor den Frauen. Allenthalben stößt man hier auf den Glauben an Naturgeister. Vor allem hält man sie für Schutzgeister, die oft den Menschen im Traum begegnen, um ihnen Ratschläge zu erteilen. Weit verbreitet ist auch der Volksglaube an „verzauberte Orte”, die auf keinen Fall berührt oder betreten werden dürfen, um die guten Geister, die dort wohnen, nicht zu belästigen. Vor wenigen Jahren protestierte eine Gemeinde in Nordisland energisch gegen den Plan einer neuen Straße, die über einen solchen „verzauberten Ort” führen sollte. Die Behörden gaben nach und verlegten die Straße. Im Jahre 1964 brach bei einem Rennen in Südisland ein berühmtes Rennpferd plötzlich tot zusammen; in der Folge spekulierten die Zeitungen darüber, ob der Unfall vielleicht übernatürliche Ursachen haben könne: Der Eigentümer des Pferdes hatte vor vielen Jahren das Gras an einem „verzauberten Ort” in der Nähe seines Bauernhofs abgemäht und zur Vergeltung dafür seine beste Milchkuh verloren. Solche Beispiele ließen sich aus allen Gegenden Islands ad infinitum anführen.
Um die Weihnachtszeit kann man auf den beiden Friedhöfen von Reykjavik eine Art Ahnenkult beobachten. Verwandte der Verstorbenen beleuchten die Gräber mit vielfarbigen Lämpchen, so daß sie für den Betrachter den Wohnungen von Lebenden ähneln. Auch um die irdischen Überreste der Toten kümmert man sich auf besondere Weise: Auf Anweisung der Toten, die den Lebenden im Traum erscheinen, werden ihre Gebeine oft von einem Grab in ein anderes gebracht. Diesen Brauch erwähnten schon einige Sagas, beispielsweise bei so berühmten Helden wie Egill Skallagrimsson, Snorri Godi, Grettir dem Starken und seinem Bruder Illugi; das Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die isländische Volkssage. In neuerer Zeit kam es in diesem Zusammenhang zu einigen grotesken Vorfällen: So wurden die Gebeine von Islands Nationaldichter Jönas Hallgrimsson (1807-1845) nach ihrer Überführung von Kopenhagen nach Reykjavik am Ende des Zweiten Weltkrieges von einem bekannten Industriellen geraubt und — dem in einem Traum geäußerten Wunsch des toten Dichters entsprechend — an seinen Geburtsort in Nordisland gebracht; schließlich fand man sie dort und begrub sie in Thingvellir, dem Nationalheiligtum Islands. Halldör Laxness hat diesen Vorfall im Roman “Atomstation” satirisch dargestellt.
Im Charakter des Isländers liegt ein kräftiger Zugvon Fatalismus, der sich bis in die Edda und die Sagas zurückverfolgen läßt. Der Glaube an Vorbestimmung ist sehr lebendig: Man ist verurteilt zu tun, was man tut, und man stirbt zur vorbestimmten Zeit. Unter Seeleuten und Männern, die gefährliche Berufe ausüben, ist diese Ansicht weit verbreitet.
Diese und viele andere Überbleibsel uralter Überzeugung und primitiven Aberglaubens gehen Hand in Hand mit einer sehr modernen Einstellung zu Wissenschaft und Technik und einem durchaus pragmatischen Sinn für das Nützliche. Bei aller Neigung zum Okkulten interessieren die Isländer sich außerordentlich für alle neuen Erfindungen auf dem Gebiet der Technologie. In ihrer Begeisterung für Neuheiten steckt fast etwas Kindliches. Sie sind in einem Ausmaß “neuheitensüchtig”, daß sie fast keinen neuen Artikel unausprobiert lassen. Dies gilt vor allem für Küchengeräte und Autos. Die meisten Häuser Islands verfügen über fast sämtliche elektrischen Haushalts- und Küchengeräte, die der internationale Markt anbietet. In einem Land, dessen Straßen fast das ganze Jahr hindurch notorisch schlecht, dessen Autobahnen für den größten Teil des Winters unbefahrbar und in dem die Autos doppelt oder dreimal so teuer sind wie in den Nachbarländern zu beiden Seiten des Atlantik, sind rund vierhundert verschiedene Automarken im Verkehr; fast jeder vierte Einwohner hat einen Wagen. Der Grund dafür ist gewiß zum einen in angeborener Neugier, zum anderen in dem Gefühl zu suchen, daß vieles — und zwar möglichst schnell — nachgeholt werden müsse. Zugleich aber zeigt sich hier die Entschlossenheit, alle von der Natur des Landes und der Rückständigkeit seiner Geschichte errichteten Hindernisse zu überwinden.
Trotz all ihren literarischen Leistungen sind die Isländer im Grunde Naturkinder, die sich um die vielfachen, verfeinerten Ausdrucksweisen komplexerer und geordneterer Gemeinschaften wenig kümmern. Sie lassen ihren konstruktiven wie destruktiven Neigungen gern die Zügel schießen und halten sich dabei an ihren Glauben an eine universale Ordnung, innerhalb derer das Gute und das Böse sich so frei wie möglich miteinander messen müssen, um im einzelnen das Beste wie das Schlechteste hervorzubringen. Sie mißtrauen absoluten Wertsetzungen in allen Lebenskreisen; selbst korrupte und unmoralische Menschen genießen bei ihnen Respekt und Achtung, sofern
ihre Untaten nur außergewöhnlich erinnernswert sind. Insofern kann man sagen: Die Isländer sind eher praktisch oder realistisch als idealistisch veranlagt. Sie gehen an die Dinge eher gefühlsmäßig als rational heran (was ihrem Mangel an Idealismus nicht widerspricht, denn Idealismus wurzelt gewöhnlich im Rationalen). Ihre Art zu denken ist eher poetisch als philosophisch (Island hat nie einen bedeutenden Denker, dafür aber viele große Dichter hervorgebracht). Ihre Art zu fühlen ist episch, nicht tragisch. Die Isländer sind auf die gleiche Art unreif, wie die Jugend unreif ist. Das ist ein Vorzug und zugleich ein Nachteil. Es erzeugt Hingabe, Unmittelbarkeit, Neugier, den Durst nach Erfahrung und unkompliziertem Lebensgenuß. Doch es beschwört zugleich soziale Unsicherheit herauf, Verantwortungslosigkeit, Oberflächlichkeit, Provinzialismus und die Gefahr, Äußerliches für das Wesentliche zu halten.
Nur wenige Nationen sind geschichtsbewußter oder ihrer Vergangenheit enger verbunden als die Isländer; das kann ein Segen sein und zugleich ein Fluch. Obwohl historische Funde sehr selten sind, bleibt die Identifikation mit der Vergangenheit nicht nur durch die Chroniken lebendig, sondern auch durch die Beibehaltung aller alten Namen von Bauernhöfen und historischen Örtlichkeiten. Fast jeder bewohnte Fleck Islands ist mit irgendeinem bekannten Vorfall aus den Sagas oder der bewegten Geschichte späterer Jahrhunderte verbunden, so daß es kaum jemals gelingt, dem historischen Zusammenhang zu entkommen. Wohl kaum in einem andern Land, Italien und Griechenland nicht ausgenommen, wird der historisch vorgebildete Besucher von dem Gefühl ungebrochener Geschichtlichkeit so überwältigt. Ein namhafter norwegischer Literaturhistoriker erzählte eine amüsante und für diesen Sachverhalt sehr bezeichnende Geschichte: Auf einer Reise durch Island kam er auch einmal zu einem Bauernhof und hörte dort, wie sich zwei Isländer des längeren über einen Verstorbenen unterhielten. Der eine klagte darüber, daß der Betreffende so jung habe sterben müssen; der andere gab zu bedenken, was ein so begabter Mann noch alles hätte für sein Land tun können. Und als der Norweger höflich fragte, wer der Verstorbene denn sei, erhielt er die sachliche Antwort, man spreche von Skarpheöinn Njälsson — einem der Helden der Saga von Njäl dem Weisen aus dem dreizehnten Jahrhundert.

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