Provenzalische Camargue

Das Provenzalische ragt als fremde, unverstandene Ruine in die eigene Landschaft hinein, Aix hat nichts mit Nizza, Arles nichts mit Marseille zu tun, wobei ich Marseille und Nizza als die beiden Vororte der modernen, der entprovenzalisierten Provence nehme. Als Ruinen- ist die Provence auch ein Reiseland — wir reisen nicht nur ins Ferne des Raumes, sondern auch in das der Zeit.
In der Antike und im Mittelalter war die heute menschenleere, nur von einzelnen Gardians durchschweifte Camargue besiedelt, damals trug sie Wälder — und Wälder sind nun einmal für den waldhassenden Mittelmeer-Menschen nichts anderes als eine Gelegenheit abzuholzen. Die Entwaldung hat die Salzsteppe geschaffen — und dann freilich auch die Eindeichung der Rhöne-Arme, die den Zustrom süßen Wassers herabsetzte, die Lagunen brackig werden und die Wiederstoß- und Glasschmalz-Wildnisse, Staticeten und Salicornieten, entstehen ließ. Diese besondere Öde ist vom Menschen geschaffen worden, er entdämmte sie, machte sie frei, indem er den Fluß eindämmte, deshalb die Ruinenqualität, die die Camargue mit der Macchia, dieser geringen Nachfolgeformation eines unvernünftig niedergeschlagenen Waldes, teilt. Die Camargue ist am Mittelmeer einzigartig, weder im Po- noch im Nildelta hat sich, obwohl es dort an Lagunen nicht mangelt, eine Steppe ähnlicher Ausdehnung und Einsamkeit bilden können.
Ich war mit meinem an seinem Namen leidenden Freund Hugo in der Camargue unterwegs und muß gestehen, daß wir von den drei Sehenswürdigkeiten, von Pferden, Stieren und Flamingos, nur eine antrafen, ein Dutzend friedlich glotzender schwarzer Rinder, die sich an der Straße von Saintes-Maries nach Arles aufgebaut hatten. Den Vergleich mit ostafrikanischen Büffeln hielten sie bei weitem nichtaus, man mußte die Phantasie anstrengen, wenn man ihnen Wildheit ansehen wollte, und Hugo erwog die Möglichkeit, daß das „Syndicat d’Initiative” von Arles, da an diesem Tage mehrere Autos die Pisten befuhren, die sonst eingestallten Tiere für uns freigelassen habe. Hugo war so unklug gewesen, einige über die Camargue handelnde Bücher zu lesen, und fiel den Tag über von einer Enttäuschung in die andere — am Abend befürchtete er, nicht in der „richtigen”, sondern in einer zahmeren Camargue gewesen zu sein. Auch einige weiße Pferde bemerkten wir, doch trugen sie Reiter und konnten darumnicht dienen, uns die Idee des Wildpferdes anschaulich zu machen. Unbestreitbar wild sind allein die Mücken, die in solchen Schwärmen den Wanderer umsirren und anfallen, daß er sich schmerzlich an Berichte aus der sibirischen Tundra erinnert fühlt. Unter allen Tieren haben bisher die Insekten dem unterwerfenden und ausrottenden Menschen am besten widerstanden — man darf gespannt sein, wie zuletzt der Kampf zwischen den immer neuen Insektiziden und den immer neu sich bildenden resistenten Stämmen ausgeht. So ist auch hier in der Camargue zuletzt die Mücke übriggeblieben. Aber es gibt Schmiermittel, die diese Blutsauger abhalten. Und als während unseres Fußmarsches der „Nopik”-Überzug zerschliß, hatte ich das Glück, daß Hugos Blut sich als ungemeine Mücken-Attraktion erwies. Die Moskitos schwankten keinen Augenblick, wen von uns beiden sie anfallen sollten — auf mir nahm nur Platz, wer bei Hugo kein Stück freie Haut gewinnen konnte. Außerdem genoß ich das Vergnügen, Hugo stundenlang zu ohrfeigen, ihm vor allem vor seine edel geformte Stirn zu schlagen und dafür noch seinen Dank zu empfangen.

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