Wir Isländer – Zuerst die Kultur

Verallgemeinerungen übergehen oft Nuancen, um die große Linie, die wichtige Kontur desto stärker hervorzuheben. Was im folgenden festgestellt wird, kennt viele Ausnahmen, trifft im allgemeinen jedoch zu; es beschreibt gemeinsame Charakteristika.
Ebenso wie Island ein Land starker Kontraste ist Feuer und Eis, miserable Straßen und luxuriöse Häuser sind die Isländer als Volk ein solcher Haufen von Widersprüchen, daß es den ausländischen Besucher oft aus der Fassung bringt. Diese Widersprüche wurzeln nicht nur in der Mischung keltischen und nordischen Blutes (einer Mischung, die den Isländer deutlich vom Skandinavier unterscheidet), sondern auch in der nationalen Geschichte, der natürlichen Umwelt und nicht zuletzt in der geographischen Lage des Landes unter dem Polarkreis.
So weit vom übrigen bewohnten Erdkreis entfernt, in einem Land voll rauher Umwelt, aktiver Vulkane und glitzernder Gletscher, einem Land der schrecklich langen, nur spärlich erhellten Winternächte und der nachtlosen Sommermonate, der tobenden See und der unpassierbaren Flüsse, mußten die Isländer einfach ein exzentrisches Wesen entwickeln. Denkt man daran, daß sie bis zur Jahrhundertwende praktisch unter mittelalterlichen Bedingungen lebten, in ungeheizten, kümmerlich erleuchteten Bauernhütten aus Torf, Naturstein und wenig Holz, ohne Kohle, ohne Karren, ohne Transportmittel außer dem immer brauchbaren Pferd, so hat man einen Begriff von der ungeheuren Umwälzung, die während des letzten Halbjahrhunderts, besonders aber seit dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hat.

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