Wirtschaftliche und soziale Revolution

Doch selbst diese wirtschaftliche und soziale Revolution, die ein vorwiegend bäuerliches, elend verarmtes Land in einen Wohlfahrtsstaat voll blühender Städte und Fischerdörfer verwandelte, konnte den isländischen Nationalcharakter nicht von Grund auf ändern. Die Isländer sind in politischen Dingen von einer naiven Intoleranz (nicht ohne gleichzeitig politische Korruption fast wie ein Naturgesetz hinzunehmen) und andererseits in vieler Hinsicht überaus tolerant, zumal in Fragen der Religion und der Moral. Ihre Geschlechtsmoral war schon immer recht freizügig, und der Prozentsatz der unehelich Geborenen ist mit 25 Prozent der höchste in Europa; in religiösen Belangen jedoch sind sie noch liberaler: Sie lassen zu, daß in der lutherischen Staatskirche Spiritualismus und Theosophie Fuß fassen, und praktizieren insgeheim ihre eigene Art uralten Heidentums unter einer dünnen Schicht nominellen Christentums. Nirgends in Westeuropa, Irland einmal ausgenommen, war der Acker des Volksglaubens so fruchtbar wie in Island.
Ahnenkult war hier seit den Tagen des Heidentums weit verbreitet; für den Glauben an Elfen und andere Naturgeister gilt das gleiche. Für viele Isländer sind Geister nicht minder wirklich als ihre Nachbarn im Nebenhaus. Noch vor wenigen Jahren bekannte sich ein Professor an der isländischen Universität öffentlich zu seinem Glauben an die Existenz von Elfen; zahlreiche prominente Schriftsteller haben das gleiche Bekenntnis abgelegt. Ein berühmter Schriftsteller, jetzt in den Achtzigern, ist, obwohl eingeschworener Stalinist, zugleich ein überzeugter Spiritualist, Theosoph und Experte in der “Monstrologie”. Traumdeutungen sind ungeheuer beliebt und spielen im Leben vieler Leute eine wichtige Rolle. Der norwegische Psychologe Harald Schjelderup, ein Gelehrter von europäischem Rang, hat festgestellt, daß der Spiritualismus in drei Ländern am weitesten verbreitet ist: in Puerto Rico, Brasilien und Island. Medien und Menschen mit parapsychischer Begabung trifft man in Island auf der Straße. Häufig werden Seancen veranstaltet in Privathäusern, aber auch in den größten, voll besetzten Hörsälen. Im Winter 1999/2000 galt die bestbesuchte Versammlung der Studentenschaft einer Seance, geleitet von Islands bekanntestem Medium, einem ungelernten Arbeiter. Es gibt Leute, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Bücher über “seelische Erfahrungen” und “geheimnisvolle Vorgänge” sind Jahr für Jahr sichere Bestseller.

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